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Rollenerfahrungen, Rollenvorstellungen
Sechs Flüchtlinge in Berlin

migration

Im Herbst 2015 hatten wir die Möglichkeit, mit einer Gruppe von Migrantinnen und Migranten ins Gespräch zu kommen. Wir befragten sie zu den Hintergründen ihrer Auswanderung nach Deutschland, ihren Zukunftsvorstellungen, aber auch zu ihren Rollenvorstellungen und -erfahrungen. Gern möchten wir hier gerade von Männern und Frauen berichten, die angesichts der hitzigen Diskussionen rund um das Thema Flüchtlinge oft nicht gesehen werden.

So berichten wir von vier Frauen und zwei Männern, die gerade nicht aus einem der aktuellen Brennpunktländer zu uns gekommen sind. Mit insgesamt 53.805 Asylanträgen von Albaner/innen und 33427 Anträgen von Menschen aus dem Kosovo, gehören vier unserer Gesprächspartner/innen aber zu den drei am stärksten vertretenen Herkunftsländer 2015. Ein weiterer Gesprächspartner kam aus dem Iran, die sechste Person aus Armenien. Mindestens fünf von ihnen haben Aussicht auf einen positiven Asylbescheid. (https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/statistik-anlage-teil-4-aktuelle-zahlen-zu-asyl.pdf?__blob=publicationFile, S. 8)

Ort der Begegnung war ein evangelisches Bildungszentrum, das Deutschlernkurse für Flüchtlinge anbietet, deren Status noch nicht geklärt ist. Vier Frauen und zwei Männer hatten sich zu dem Gesprächskreis eingefunden. Verständigt haben wir uns in Deutsch und Englisch.

Kenan: drohende Gefängnisstrafe in Teheran

Kenan ist 34, groß gewachsen, hat lebhafte Augen. Er kommt aus dem Iran, direkt aus Teheran. Kenan ist Statiker, hat in Ungarn studiert, dann an der Universität von Teheran gelehrt. Drei Wochen vor unserem Treffen ist er nach Deutschland geflohen. In einer seiner Vorlesungen hatte er die Notwendigkeit in Frage gestellt, den Koran täglich fünfmal zu lesen. Wegen dieser islamkritischen Äußerungen wurde er angezeigt. Die drohende harte Gefängnisstrafe hat ihn zur schnellen Flucht nach Deutschland veranlasst. Auf Einladung von Freunden in Deutschland erhielt er binnen kurzer Zeit ein Visum für Deutschland. Hier hat er auch Asyl beantragt. Seine Eltern und fünf Brüder haben seine Flucht unterstützt. Sie werden im Iran bleiben.

Kenan kümmerte sich zügig um eine Möglichkeit, Deutsch zu lernen und kam so in das Begegnungszentrum. Sein Plan: An der TU Berlin promovieren und Bauingenieur werden. Beide Eltern sind Akademiker_innen, auch seine Brüder haben alle studiert. Noch hat er weder Frau noch Kinder, falls das mal der Fall sein sollte, so geht er davon aus, dass er und seine Partnerin beide arbeiten und sich Kindererziehung und Haushalt gerecht aufteilen. Jeder solle, so habe er dies zu Hause auch erlebt, die Aufgaben übernehmen, die ihm besonders liegen.

Afrim: über Umwege aus Albanien nach Deutschland

Er sei da ganz offen, fällt der 28-jährige Afrim ein. Afrim kam über Italien nach Deutschland. Ursprünglich in Albanien geboren, floh er mit seinen Eltern und zwei Brüdern 2011 vor den gewaltsamen Unruhen mit seiner Familie nach Italien. In Italien findet sein Vater seither sein Auskommen als Handwerker. Für Afrim bot Italien wenig Zukunftschancen und so zog es ihn 2015 nach Berlin, wo er, kaum angekommen, Beschäftigung als Reinigungskraft im Kindergarten fand. Er hofft auf einen positiven Aufenthaltsbescheid und eine Arbeitsbewilligung, auch dass er in Deutschland eine Partnerin findet und eine Familie gründen kann. Seine Eltern leben eine klassische Rollenverteilung. Der Vater sichert das Familieneinkommen, die Mutter war zeitlebens nicht erwerbstätig. Für sich selbst sieht Afrim keine festgelegten Rollen. Das wird sich finden, so seine Einschätzung.

Mira und Zana: fehlende gesundheitliche Versorgung im Kosovo

Mira und Zana sind Schwestern, 19 und 22 Jahre alt. Sie sind mit ihren Eltern und drei weiteren Schwestern nach Deutschland gekommen, weil die medizinische Versorgung einer sehr kranken Schwester in ihrer Heimat im Kosovo nicht gewährleistet ist. Zana spricht bereits sehr gut Deutsch. Die Familie hat schon einmal für längere Zeit in Deutschland gelebt. Die beiden Schwestern besitzen einen High-School-Abschluss in Naturwissenschaft. Beide wollen in Deutschland ein naturwissenschaftliches Fach studieren. In Deutschland studieren möchte auch die dritte im Bund, die ebenso aus dem Kosovo geflohene Rea. Auch sie hat einen High-School-Abschluss und möchte gern Grundschullehrerin werden.

Mira und Zana möchten später auf jeden Fall Kinder haben und auch als Mütter erwerbstätig bleiben. Zana erzählt, dass dies im Kosovo in der Generation ihrer Eltern noch unüblich war, aber ihre Mutter als Schneiderin stets auch zum Unterhalt der Familie beigetragen hat. Der Vater war in seiner Arbeit als Lehrer angestellt und hat sich stets auch um die kranke Schwester mit gekümmert. Dass die Töchter eine gute Ausbildung erhalten sollen, war ihm und der Mutter ein großes Anliegen, auch dass sie auf ihren eigenen Füßen stehen und wirtschaftlich unabhängig sein können. Dies sehen die Schwestern mit Blick auf ihre eigenen Kinder genauso.

Nare: kriegerische Auseinandersetzungen in Armenien

Nare kommt aus Armenien und ist Anfang, Mitte 50. Ihr Deutsch ist noch nicht ganz so gut und daher ist die Verständigung etwas schwieriger. Aber wie im Fall der jungen Frauen aus dem Kosovo ist auch ihre Bildungsorientierung hoch. Sie ist mit ihren beiden jüngeren Kindern vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Berg Karabach geflohen, die älteste Tochter aber in Armenien geblieben ist. Nare selbst hat in Armenien als Computerfachfrau gearbeitet. Dies hofft sie in Deutschland fortführen zu können. Und auch für ihre Töchter Anahit und Baharak erhofft sie sich eine möglichst gute Ausbildung. Anahit ist noch im Grundschulalter. Baharak geht aufs Gymnasium. Nare hofft, dass sie in Deutschland trotz der noch bestehenden Sprachprobleme Abitur macht. Sie selbst ist ohne Partner nach Deutschland gekommen und ist in Sachen Partnerschaft noch offen. Wichtig war es ihr, in Deutschland sich zügig ein soziales Netzwerk aufzubauen, was ihr zu ihrer großen Freude bereits gelungen ist. So unterstützen die Nachbarn die Kinder bei der Erledigung der Hausaufgaben und beim Spracherwerb.

Wir gingen aus den Gesprächen mit dem Gefühl, dass uns genauso gut in Deutschland geborene Frauen und Männer am Tisch gegenüber gesessen haben könnten. Auch wenn uns bewusst ist, dass wir mit diesen sechs Interviews nur einen Minimalausschnitt erfasst haben, gehört die Erfahrung der Ähnlichkeit genauso zur Integrations- und Flüchtlingsrealität wie das Erleben von Fremdheit. Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Ländern. Ihre Motive, nach Deutschland zu kommen, waren sehr verschieden, und sie hatten ganz unterschiedliche soziale Hintergründe. Ihre Bildungsorientierung und Zukunftswünsche ähneln sich aber auffallend. Ihre Zugänge zu Geschlechterrollen und Gleichstellungsfragen differieren untereinander. Für diese sechs Flüchtlinge zumindest aber bleibt festzuhalten, dass sie sich darin kaum von Deutschen unterscheiden.

Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei ihnen für ihre Gesprächsbereitschaft und Offenheit bedanken. Unser Dank gilt auch Gabriele Romboy, die uns überhaupt erst die Gelegenheit für diese Interviews eröffnete. Sie engagiert sich seit Monaten ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe.

 


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