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Faktoren f√ľr gelingende Integration
Einsichten aus der Forschung

rechercheEin Vierteljahr nach √Ėffnung der Grenzen am 04.09.2015, der Aufnahme von mehr als einer Million Asylsuchender in 2015 und dem viel zitierten Merkel-Satz „Wir schaffen das!“ dreht sich der √∂ffentliche Diskurs immer weiter um Fragen der Integrations- und Aufnahmef√§higkeit Deutschlands.

Die j√ľngsten sexuellen √úbergriffe auf dem K√∂lner Hauptbahnhof gegen Frauen geben der Furcht vor √úberfremdung sowie der Retraditionalisierung von Werten und Rollenvorstellungen neue Nahrung und scheinen den Forderungen nach einer Obergrenze f√ľr die Aufnahme von Fl√ľchtlingen und der Einf√ľhrung einer Integrationspflicht Recht zu geben. Die j√ľngsten Ereignisse wiegen schwer.

Wenig Antworten aber hält der öffentliche Diskurs bislang zu Fragen vor, wie genau Integration gelingen kann und welche Bedeutung dabei den Themen Gleichstellung, Geschlechterrollen oder dem Umgang mit Sexualität zukommt.

Hingegen ist die Zahl der wissenschaftlichen Studien gro√ü, die sich mit dem Prozess der Integration befassen. Die bereits vorhandenen Erkenntnisse liefern zahlreiche Anhaltspunkte f√ľr die Entwicklung nachhaltiger Integrationskonzepte. Sie lassen Schlussfolgerungen zu, welche Faktoren Erfolg versprechen und welche Fehler vermieden werden sollten. Die auch in der Forschung selbst formulierten Forderungen zielen auf ein friedliches, auf Chancengleichheit ausgerichtetes Zusammenleben in einem heterogen gepr√§gten Deutschland. Vier Erfolgsfaktoren erscheinen besonders wichtig.

1. Hybridität fördern statt Assimilation fordern!

Erfolgreiche Integration bedarf, so lässt sich aus der Forschung der letzten Jahre ableiten, eines Integrationsverständnisses, das die Ausbildung hybrider Identitäten im Rahmen von Migrationsprozessen anerkennt und Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht.

Hybrid meint dabei generell das, was durch die Vermischung zweier oder mehrerer verschiedener Dinge entsteht. Hybride Identit√§t zeigt an, dass ein Mensch sich zwei oder mehreren kulturellen R√§umen gleicherma√üen zugeh√∂rig, quasi zwei- beziehungsweise mehrheimisch f√ľhlt und sich die Kulturen zu einem neuen Ganzen verbinden. [1]

Hybride Integrationsansätze gestehen die Aufrechterhaltung kultureller Traditionen zu und erkennen die Vorgänge einer differenzierten Aneignung der deutschen Kultur durch Migrant/innen an. Ein solches Integrationsmodell erwartet weder Aufgabe noch Abkehr von der Herkunftskultur, sondern die biografische Integration zweier oder mehrerer Kulturen.

Dar√ľber hinaus gehen moderne Integrationsans√§tze davon aus, dass Integration nicht als einseitiger Anpassungsprozess der Zuwandernden gelingen kann. Vielmehr m√ľsse Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, die die einheimische Bev√∂lkerung in die Mitverantwortung nimmt. Vor allem dann, wenn Integration den gleichberechtigten Zugang zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe einschlie√üt, sind alle gefordert, diesbez√ľgliche Ungleichheitsstrukturen und Diskriminierungsmechanismen kritisch zu reflektieren und abzubauen. [2]

(Diesen Erfolgsfaktor stellen wir im „Streiflicht Integration“ n√§her vor und setzen ihn in einen historischen Kontext)

2. Heterogenit√§t erkennen statt alle(s) √ľber einen Kamm scheren!

Des Weiteren lässt sich aus der Forschung der letzten Jahre ableiten, dass erfolgreiche Integrationspolitik eine differenzierte Betrachtung der Lebensverhältnisse und kulturellen Identitäten von Migrant/innen voraussetzt. [3]

Migrant/innen teilen zwar die Erfahrung der Migration, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer sozio-√∂konomischen Positionierung, ihrer kulturellen Sozialisation und politischen Orientierung, ihrer Migrationsgr√ľnde, ihres Geschlechts und ihrer Generationenzugeh√∂rigkeit.

Die Forschung der letzten Jahre zeigt, wie verschieden Migrant/innen sind. Die im öffentlichen Diskurs stark fokussierten Aspekte der ethnischen Zugehörigkeit und Religionsangehörigkeit liefern zwar Unterscheidungskriterien, greifen aber zu kurz und verhindern die notwendige binnendifferenzierte Betrachtung. So ist eine Zugehörigkeit zum Islam normalerweise lebenslang und durchaus anders zu betrachten als die Zugehörigkeit zum Christentum. Aus letzterem kann man austreten. Ein muslimischer Hintergrund bedeutet nicht zwangsweise, dass religiöse Traditionen auch tatsächlich gelebt werden. Es bedeutet in erster Linie einfach, dass man muslimische Eltern hatte.

Nur durch die differenzierte Betrachtung von Migrations- und Integrationsprozessen sowie von Lebensverhältnissen, Werteorientierungen und Verhaltensweisen lassen sich bestehende Herausforderungen konkret genug identifizieren und passgenaue, bedarfsorientierte und nachhaltige Integrations- und Ausbildungskonzepte erstellen.

3. Familienverb√§nde in Integrationskonzepten ber√ľcksichtigen – sie spielen im Integrationsgeschehen eine tragende Rolle!

Geschlechterkonstruktionen und Familienstrukturen sind im Integrationsprozess in mehrerlei Hinsicht von herausragender Bedeutung. Die Anerkennung von Gleichberechtigung in Deutschland ist notwendige Voraussetzung einer erfolgreichen Integration von Fl√ľchtlingen und Migrant/innen. Dar√ľber hinaus konnte die Forschung der letzten Jahre zeigen, dass Familien und Verwandtschaftsverb√§nde bei der Bew√§ltigung von Migration und Eingliederung eine tragende Rolle spielen. [4] Innerhalb der in S√ľdeuropa und Vorderasien weit verbreiteten solidar organisierten Familienformen beispielsweise √ľbernehmen die familien√§ltesten Frauen eine Schl√ľsselfunktion f√ľr die Integration ganzer Familienverb√§nde und Netzwerke. Nicht umsonst folgen Wanderbewegungen seit jeher auch den Verwandtschaftsbeziehungen.

Die Debatte um den Familiennachzug sollte dringend auch die gleicherma√üen integrative wie sozial disziplinierende Wirkung von Familie und Verwandtschaft sowie die konkreten Unterst√ľtzungsleistungen von Familien- und Vewandtschaftsverb√§nden in den Blick nehmen. Familie ist in der Regel ein wichtiger sozialer Schutzraum und ein Ort, der bei der Bew√§ltigung von Kriegs- und Fluchterfahrungen, aber auch von Herausforderungen, die sich beim Ankommen in Deutschland stellen, hilft. Aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet sollte der Familiennachzug daher eher beschleunigt als verz√∂gert werden. Die Frustration von Ehem√§nnern und Familienv√§tern, denen es nicht gelingt, auch ihre Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen, sollte in seinen Auswirkungen f√ľr das weitere Integrationsgeschehen nicht untersch√§tzt werden.

Dar√ľber hinaus w√ľrde der Familiennachzug einen wichtigen Beitrag zur nachtr√§glichen Korrektur des Geschlechterbias im Fluchtgeschehen leisten. Die Unterbringung von √ľberwiegend jungen M√§nnern in Massenunterk√ľnften stellt nicht nur die Organisatoren vor Herausforderungen. Sie wirkt sich, so zeigen die Gewaltausbr√ľche in den Einrichtungen immer wieder, auch problematisch auf das Zusammenleben der Fl√ľchtlinge selbst aus. Dar√ľber hinaus scheint der in der √Ėffentlichkeit sichtbare und erlebbare √úberhang an M√§nnern die Bef√ľrchtung einer vermeintlich kulturell bedingten √úberpr√§senz von M√§nnern zu Lasten der Unterdr√ľckung und Verdr√§ngung von Frauen aus dem √∂ffentlichen Leben nachhaltig zu best√§tigen. Wird die Ansammlung von jungen M√§nnern wie im Fall der sexuellen √úbergriffe in der Silversternacht in K√∂ln zudem als symbolische Inbesitznahme √∂ffentlicher R√§ume inszeniert, hat dies fatale Folgen f√ľr das Integrationsgeschehen.

4. Stereotype √ľberwinden – tats√§chlich vorherrschende Geschlechtermodelle im Migrant/innenmilieu pr√ľfen!

Der gro√üen Bedeutung von Gleichstellung und famili√§ren Strukturen entsprechend, w√§ren auch Familienformen, famili√§re Rollen und Funktionen sowie Einstellungen gegen√ľber Gleichberechtigung und gelebte Geschlechterverh√§ltnisse differenziert zu betrachten. Die Forschungsarbeiten der letzten Jahre unterstreichen die Notwendigkeit, pauschale und stereotype Vorannahmen hinsichtlich der Dominanz archaischer Familien- und Geschlechtermodelle im Migrant/innenmilieu zu √ľberwinden und die Erkenntnisse in Integrations- und Ausbildungskonzepten zu ber√ľcksichtigen.

Dar√ľber hinaus w√§ren auch die Gleichstellungs- und Frauenbewegungen der L√§nder, aus denen die Fl√ľchtlinge zu uns kommen, deren Schwerpunkte, Zugehensweisen und Erfolge zu ber√ľcksichtigen und abzuw√§gen gegen√ľber der Bedeutung und Strahlkraft erstarkender konservativer bzw. radikaler Kr√§fte.

√Ąu√üerungen, wie jene in einem Beitrag auf ZEIT ONLINE zitierten Einsch√§tzungen von syrischen Fl√ľchtlingen, unterstreichen die Forderung der Forschung nach differenzierter Betrachtung. Auf der einen Seite steht, dass sie solche √úbergriffe aus deren syrischer Heimat durchaus kennen. Auf der anderen Seite steht jedoch auch, dass ihrer Aussage zufolge zumindest drei Viertel der Einwohner das Verhalten verurteilen, gerade weil es zutiefst unmuslimisch sei. Auch erz√§hlen sie, dass sich die Situation der Frauen in Aleppo mit Erstarken des IS massiv verschlechert hat und die einmal erreichten Freiheiten stark eingeschr√§nkt wurden. [5]

Das macht die Herausforderungen, vor die die j√ľngsten Ereignisse in K√∂ln die deutsche Gesellschaft und die erreichte Gleichstellung der Geschlechter darstellen, nicht einfacher, mahnt aber eindringlich, Ursachen und Bedrohungslagen differenzierter einzusch√§tzen. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, im Rahmen von Integrationskursen, Weiterbildungen oder Sensibilisierungsma√ünahmen erstmal genauer hinzuh√∂ren, welche Haltungen oder auch welche (biografischen) Erfahrungen Gefl√ľchtete wie Migrant/innen nach Deutschland mitbringen. Ebenso erscheint es unverzichtbar, in allen Begegnungen geschlechtersensitiv vorzugehen und auch nach Geschlechtern ausdifferenzierte Diskussions- und Arbeitsm√∂glichkeiten anzubieten.

Ebenso erforderlich ist es, dar√ľber hinaus nicht allein bei den M√§nnern und Frauen anzusetzen, sondern auch institutionelle Einfl√ľsse auf die Ausformung von Geschlechteridentit√§ten und Rollenvorstellungen kritisch zu reflektieren und auf entsprechender Ebene aktiv zu werden. Denn w√§hrend die Ereignisse in K√∂ln alle Aufmerksamkeit auf sich zog, verabschiedetet der t√ľrkische Rat f√ľr Religionsangelegenheiten ein islamisches Rechtsgutachten (Fatwa), das das Verhalten von Verlobten in der √Ėffentlichkeit regelt, in das Sexualverhalten eingreift und auch f√ľr die in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime G√ľltigkeit besitzt. (F√ľr weitere Informationen zum Fatwa lesen Sie bitte den Beitrag „Retraditionalisierung von Geschlechterrolen und Sexualverhalten – Fatwa zum Verhalten von Verlobten„)

Fazit: Gerade weil Gleichstellung unverzichtbare Teilanforderung im Integrationsgeschehen ist, ist es f√ľr eine erfolgreiche Integrationspolitik unabdingbar, sehr viel genauer zu wissen, wo welche Migrant/innen in dieser Hinsicht stehen und welche Handlungsbedarfe sich daraus konkret ergeben. Zus√§tzlich gilt es, den Blick verst√§rkt auch auf die Integrationsleistungen innerhalb der Familien zu richten, anzuerkennen und diese gezielt zu unterst√ľtzen.

[1] Foroutan (2009), S. 11; dies. (2015)
[2] Pott (2014), S. 63.
[3] BMFSFJ (2010); Rat f√ľr Migration (Hg.); Pries, Ludger (2015); Treibel, Annette (2015)
[4] BMFSFJ (2010), S. 15; Br√ľcker (2014), S. 1130; Br√ľckner (2014), S. 1133; Heckmann (2015), S. 51ff.
[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/fluechtlinge-arabische-maenner-frauen-gleichberechtigung-koeln

Weiterf√ľhrende Literaturliste (pdf)


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