Buchtipp: Flexible Familienernährerinnen

Moderne Geschlechterarrangements oder prekäre Konstellationen

Die Diplomökonomin und Frauen- und Geschlechterforscherin Christina Klenner, die Sozialwissenschaftlerin Katrin Menke und die Soziologin Svenja Pfahl untersuchten in über zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit in den neuen Bundesländern eine Gruppe erwerbstätiger Mütter, die allzu lange sowohl im politischen Diskurs als auch in der Forschung nur wenig Beachtung gefunden hat: die Gruppe der Familienernährerinnen.

Die Familienernährerinnen, so die Eingangsthese, stehen mit ihrer Arbeitssituation, ihren Vereinbarkeitsarrangements und ihrer Lebensführung im Schnittpunkt der Wandlungsprozesse in den Geschlechterverhältnissen, in der Erwerbsarbeit und in der Sozialpolitik.

Die Studie untersucht, „wie viele Familienernäherinnen es in Deutschland gibt, wie sie dazu geworden sind und wie sie über ihren Status denken, unter welchen Bedingungen sie leben, arbeiten und Kinder erziehen und ob sich die häusliche Arbeitsteilung verändert hat.“ (S. 17) In der Analyse kombinieren die Autorinnen qualitative und quantitative Methoden, stellen in diesem Buch aber vor allem die Ergebnisse der qualitativen Studien vor.

Laut Daten des Sozio-Ökonomischen Panels von 2010 wird heute in Ostdeutschland bereits fast jeder vierte, in Westdeutschland fast jeder fünfte Mehrpersonenhaushalt zu über 60 Prozent aus dem Einkommen der Frauen finanziert. Die Hälfte dieser Familienernährerinnen lebt in einer Familie mit Partner und Kind/ern, nur knapp die Hälfte ist alleinerziehend.

Dass die Zahl der Familienernährerinnen kontinuierlich steigt, führen die Autorinnen vor allem auf das Zusammenwirken mehrerer gesellschaftlicher Umbrüche zurück:

  • auf den Wandel der Geschlechterverhältnisse,
  • den neoliberalen Umbau der Gesellschaft zum flexibilisierten Kapitalismus,
  • sich verändernden Erwerbsstrukturen,
  • zunehmender Prekarisierung der Einkommensverhältnisse und
  • dem Abbau des Sozialstaates.

Die Zunahme qualifizierter Erwerbsarbeiten von Frauen und die Prekarisierung männlicher Erwerbsarbeit stehen hierbei jedoch im Vordergrund. Prekarisierung bedeutet in dem Zusammenhang unsichere Beschäftigung, die sich durch Befristung, Zeitarbeit, Teilzeit mit weniger als 20 Stunden oder geringfügiger Beschäftigung auszeichnet. Diese unsicheren, weil widerruflichen (prekären) Arbeitssituationen können zu schwierigen Lebensverhältnissen oder zum sozialen Abstieg führen.

Aus den statistischen Erhebungen lässt sich ableiten, dass in erster Linie das niedrige Einkommen der Männer die Wahrscheinlichkeit einer Familienernährerinnen-Konstellation erhöht, weniger – wie man zunächst vermuten könnte – das hohe Einkommen der Frauen. Das heißt, der überwiegende Teil der Frauen, die statistisch zu Hauptverdienerinnen werden, können mit ihrem Gehalt dennoch nicht ihre Familie ausreichend ernähren. D.h. neben den Alleinerziehenden lebt der Großteil der Familienernährerinnen in materiell prekären Verhältnissen.

Daraus folgen, so die Autorinnen, Arrangements von Arbeit und Familie, die sehr fragil und von der Erwartung nach hoher Flexibilität geprägt sind. Unter diesen Vorzeichen erscheinen die Arbeitsbedingungen vielfach als wenig gestaltbar. Sie sind zumeist nicht kompatibel mit den fürsorgerischen und zeitlichen Anforderungen, die Familien haben. Die Anforderungen an die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind dann ganz anderer Natur, als die, die etwa durch mangelnde Kinderbetreuung oder fehlende Freistellungsrechte hervorgerufen werden.

Hinsichtlich der häuslichen Arbeitsteilung konnten die Autorinnen nur eine leichte Tendenz zur Enttraditionalisierung bei der Übernahme von Familien- und Hausarbeit  feststellen. In der Regel ist festzuhalten, dass Familienernährerinnen sowohl für den Erwerb der Lebensgrundlage als auch für die Erziehung der Kinder bzw. die Pflege von Angehörigen zuständig sind. In dieser Doppelverantwortung sind sie außerordentlichen Belastungen ausgesetzt. Familienernährerinnen weisen in der Folge eine schlechtere Work-Life-Balance auf als die Gesamtheit der erwerbstätigen Frauen. Insbesondere müssen sie wie die Alleinerziehenden vielfach deutliche Abstriche bei der Freizeitgestaltung und der Regeneration machen. Ebenso ist ihr Gesundheitszustand insgesamt schlechter.

Bei einem kleineren Teil der Paare mit Familienernährerinnen sind die Partner nahezu egalitär zu den Frauen in die Familien- und Hausarbeit involviert. Dies ist umso mehr der Fall, je eher der Einkommensvorsprung der Frauen durch deren Karrierevorsprung begründet ist.

Mit Blick auf die Arbeits- und Sozialpolitik resümieren die Autorinnen: Diese sei, da sie mit einer inkonsistenten Mischung von Regelungen und Leistungen teilweise am Bild des männlichen Familienernährers, teilweise an einem gleichberechtigten Zweiverdienermodell anknüpft, nicht auf eine Familienkonstellation mit einer Familienernährerin eingestellt. Vielmehr entlarve das Beispiel der Familienernährerinnen erneut den hohen gleichstellungs- und sozialpolitischen Reformstau in Deutschland. Und so fordern die Autorinnen zum Schluss erneut ein Leitbild des/der Erwerbstätigen mit Fürsorgeaufgaben im Lebensverlauf.

Klenner, Christina; Menke, Kartin; Pfahl, Svenja  (2012): Flexible Familienernährerinnen. Moderne Geschlechterarrangements oder prekäre Konstellationen. Opladen, Berlin, Toronto.

Die Autorinnen:

Dr. rer. oec. Christina Klenner, Wissenschaftliche Referatsleiterin im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung Düsseldorf

Katrin Menke, M.A. (Sozialwissenschaften), Projektleiterin Familienernährerinnen beim DGB Bundesvorstand

Dipl.-Soz. Svenja Pfahl, Wissenschaftlerin und Geschäftsführerin von SowiTra Berlin


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