Der Bedeutungsrückgang der väterlichen Abstammung in Europa

Mit dem Sammelband „Historische Verwandtschaftsforschung“ veröffentlichte der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer seine Forschungsergebnisse zum Thema Familie und Verwandtschaft aus zwei Jahrzehnten. Das besondere an Mitterauers Arbeiten ist, dass er den Einfluss von gesellschaftlichen und sozioökonomischen Faktoren auf Familiensysteme und Verwandtschaftsbeziehungen im historischen Kontext untersucht. So beschreibt er unter anderem, wie sich gesellschaftliche Normen und Werte auf die Partnerwahl, das Familiensystem und die Strukturen der Verwandtschaftsbeziehungen auswirken. Mitterauer war von 1973 bis 2003 Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien und hat die deutschsprachige Verwandtschaftsforschung stark geprägt. Er wurde für seine Forschungsarbeiten mehrfach ausgezeichnet.

Familie im historischen Wirkungsfeld von Gesellschaft und Wirtschaft

Mitterauer setzt sich in seinen Forschungen mit den kulturellen Besonderheiten Europas bezüglich der Verwandtschaftsbeziehungen auseinander. Verwandtschaft definiert er dabei über Namensgebung, Heiratsregeln, Umgang mit dem Tod, Blutrache und Erbe. Mitterauer erforschte die Normen des christlichen Europa und dessen Wirkungsweise auf Familie und Verwandtschaft und vergleicht diese beispielsweise mit peripheren Gegenden, in der sich bis in die Neuzeit hinein religiöse und familiäre Strukturen aus vorchristlichen Zeiten erhalten haben. Mitterauer hat hierzu in den 1990er Jahren intensiv im Balkanraum und in Südosteuropa geforscht. Er stellte unter anderem am Beispiel Ahnenkult oder Verwandtenehen fest, dass im christlichen Europa des Mittelalters verwandtschaftliche Bindungen durch staatliche und kirchlichen Institutionen stark beeinflusst oder zurückgedrängt wurden. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass es eher einen qualitativen Wandel verwandtschaftlicher Beziehungen gab, der nicht mit einem Relevanzverlust gleichzusetzen sei.

Vom Ahnenkult zum Christentum – Bedeutungsverlust patrilinearer Verwandtschaftsstrukturen

Im vorliegenden Band zeigt er auf, wie die Zuständigkeit für die Toten von den männlichen Verwandten im Ahnenkult zur Kirche überwechselte. Die Auswirkungen sind auf verschiedene Weise interessant. Denn im Ahnenkult bestimmten die Patrilinearität und die Autorität der Älteren das Familienleben. Die Ahnen akzeptierten nur die Opfer der Söhne, folglich hatten diese einen höheren Stellenwert als Töchter. Witwen waren schlechter gestellt. Früh- oder Mehrfachheiraten waren die Regel. Familien- und Verwandtschaftsverbände waren über ihre kultisch verehrten Ahnen eng miteinander verbunden. Im Gegensatz dazu kommt im Christentum die Rolle der sozialen Einheit zwischen Toten und Lebenden der Kirche zu, die sich als Gemeinschaft der Heiligen versteht. Hier bedürfen die toten Vorfahren keiner Opfergaben, aber z.B. gemäß dem Fegefeuerglauben der Fürbitte und des Gebets. Es sind auch nicht die kultisch verehrten Ahnen, die den Nachkommen Schutz gewähren, sondern die Heiligen der Kirche, mit denen man sich besonders verbunden fühlt. Mitterauer leitet hier einen europaspezifischen Bedeutungsrückgang von patrilinearen Verwandtschaftsstrukturen ab.

Von der Blutsverwandtschaft zum Patensystem

Ein weiteres Forschungsgebiet Mitterauers waren die Auswirkungen der christlichen Patensystems auf Familienbeziehungen. Ende des 4. Jahrhunderts war die Kindertaufe im europäischen Christentum schon weit verbreitet, seit dem 9. Jahrhundert finden sich im Frankenreich Beispiele für die Benennung von Taufkindern nach ihren Paten. Den Patenverwandten kommt also eine zunehmend herausgehobene Rolle im Verwandtschaftsgefüge zu. Mitterauer zeigt, wie jeweils die Bluts- oder Heiratsverwandtschaft in das Patensystem einbezogen ist und welche Rolle den Paten zukam, mitunter hatten sie gegenüber ihrem Patenkind einen ähnlichen Status wie die leiblichen Eltern.

 

Sorgepflicht für unversorgte Kinder

Mit einem einst sehr gegenwärtigen, aber erstaunlicherweise wenig erforschten Aspekt familiärer Beziehungen beschäftigt sich eine Untersuchung zum Thema Ziehkinder: Dem Fall, in dem Verwandte gegenüber unversorgten Kindern, d. h. in der Regel unehelich geborenen Kindern, die Rolle von Eltern einnahmen. In Zeiten ohne staatliche oder kommunale Daseinsvorsorge war die Sorgepflicht der Großfamilie für unversorgte Kinder eine Grundfunktion der Verwandtschaft. Ein Vergleich mit Südosteuropa zeigt, dass Verwandtschaft in Mitteleuropa ein sehr offeneres und flexibleres System darstellte als in einer Gesellschaft, in denen patrilineare Abstammung das Zusammenleben in Verwandtschaftsverhältnissen bestimmt.  Mit autobiographischen Erzählungen illustriert Mitterauer die Lebenswelt der Ziehkinder.

 

Wandel der Begriffe als Indiz für zunehmende Gleichstellung

Der Wirtschaft- und Sozialhistoriker zeichnet die Verbreitung und den Wandel zahlreicher Verwandtschaftsterminologien im europäischen Vergleich nach. Überzeugend kann er darstellen, dass eine Veränderung der Begrifflichkeiten jeweils auch eine veränderte Bedeutung der Verwandtschaftsbeziehungen abbildet. Unterschiedliche Bezeichnungen für Geschwister des Vaters bzw. der Mutter verlieren sich beispielsweise im Deutschen in der frühen Neuzeit. Unterschied man bis dahin zwischen „Base“ (der Schwester des Vaters) und „Muhme“ (der Schwester der Mutter), bzw. zwischen „Vetter“ (der Bruder des Vaters) und „Oheim“ (der Bruder der Mutter), setzen sich im 18. Jahrhundert die französischen Lehnworte Onkel und Tante durch. Und erst mit dem Bedeutungsrückgang der väterlichen Abstammung konnte sich ein Begriff für „Eltern“ durchsetzen.

 

Das bleibt in der Familie – die sozioökonomischen Ursprünge der Verwandtenheirat

In mehreren weiteren Abhandlungen beschäftigt sich Mitterauer mit dem Inzest und den sozioökonomischen oder gesellschaftlichen Ursprüngen dieses Heiratsmusters. So skizziert seine Abhandlung über das Zweite Sassanidenreich die Inzestproblematik des 6. Jahrhunderts. Die Verwandtenehe bzw. der Inzest war aus religiöser Sicht hochgeschätzt, eine Besonderheit, wie sie auch in anderen Kulturen, etwa in Ägypten, praktiziert wurde. Eine andere Praxis ist die jüdische Leviratsehe, der sich Mitterauer in einem weiteren Beitrag des Sammelbandes widmet. Diese Schwagerehe fußt ebenfalls auf biblischen Vorstellungen, geht allerdings, wie Mitterauer zeigen kann, auf die sozioökonomischen Bedingungen der Hirtennomadenstämme zurück. Als sakralrechtliche Institution wurde an ihm bis in die Moderne festgehalten. Weiterhin nimmt Mitterauer die Heiratsmuster des spanischen Hochadels unter die Lupe und nennt zahlreiche Beispiele für Eheschließungen unter Blutsverwandten, geschlossen aus dynastischen, also ökonomischen Gründen. Häufiger als in anderen europäischen Fürstenhäusern wurden in Spanien nächste Blutsverwandte geheiratet. Mitterauer verfolgt die Entstehung dieser Heiratsmuster bis ins Mittelalter zurück. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ging der Tradition folgend ein relativ hoher Prozentsatz der spanischen Bevölkerung solche Ehen ein. Die christliche Kirche begegnete diesen Praktiken mit religiös begründetem Inzesttabu.

In einer weiteren Untersuchung geht Mitterauer der Frage nach, welche Vorstellungen dazu führen, dass die Heirat einer nahen Blutsverwandten, besonders der „Vatersbruderstochter“, im arabischen Raum als besonders erstrebenswert angesehen wird. Bereits in den 1920er Jahren, als Syrien französisches Mandatsgebiet wurde, beschäftigte diese Tatsache Politiker und Verwaltungsbeamte. Die Franzosen konnten ein von ihnen angestrebtes Verbot der Cousinenheiraten letztlich nicht durchsetzen. Mit den Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts ist dieses Heiratsmuster nun auch (wieder) in Europa anzutreffen und ruft wegen Häufung gesundheitlicher Schäden bei Kindern Mediziner auf den Plan. Mitterauer zeigt, dass die Vorstellungen vom besonderen Stellenwert der „Vaterbruderstochter“ auf vorislamische Zeiten zurückgehen und nicht in der islamischen Religion fußt.

Mitterauer, Michael (2013): Historische Verwandtschaftsforschung, Wien/Köln/Weimar, Böhlau Verlag Wien


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