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Beruf und Pflege vereinbaren

Aktuelle Trends

Die Zahl derer, die sich wĂ€hrend ihre Erwerbsphase um pflegebedĂŒrftige Angehörige kĂŒmmern, steigt weiter.
Foto: pixabay.com

Die Zahl der ErwerbstÀtigen, die pflegen, steigt kontinuierlich.

Inzwischen trĂ€gt bereits jede 17. erwerbstĂ€tige Person Verantwortung fĂŒr einen pflegebedĂŒrftigen Angehörigen. Bei den ĂŒber 45-jĂ€hrigen trifft dies bereits auf jede zehnte Person zu. Es ist abzusehen, dass ihre Zahl in den nĂ€chsten Jahren weiter steigen wird.

Das Zentrum fĂŒr QualitĂ€t in der Pflege (ZQP) hat aus diesem Grund multidisziplinĂ€re ExpertenbeitrĂ€ge zu einem Themenreport zusammengestellt. Er gibt einen Überblick ĂŒber den aktuellen Diskussionsstand sowie Einsichten in die sozio-ökonomischen Kontexte pflegender Angehöriger und bĂŒndelt aktuelle Ideen zur Förderung einer pflegesensiblen Unternehmenskultur.

Pflegeversorgungsmix gewinnt an Bedeutung und entlastet die Pflegenden.

Der Report stellt zunĂ€chst einmal VerĂ€nderungen in der hĂ€uslichen Pflege fest. Sie wird in zunehmendem Maße mit verschiedenen Formen professioneller UnterstĂŒtzung aus den Bereichen ambulanter und teilstationĂ€rer Pflege sowie mit haushaltsnahen Dienstleistungen kombiniert. Das PflegestĂ€rkungsgesetz II unterstĂŒtzt diese Entwicklung.

Die Realisierung diverser entlastender Pflegearrangements hĂ€ngt jedoch ganz entscheidend von der regional verfĂŒgbaren und bezahlbaren Versorgung mit pflegerischen und haushaltsnahen Dienstleistungen, soliden Pflegeberatungsstrukturen und einer alternsgerechten Quartiersentwicklung ab. (S. 6) Der Pflegeversorgungsmix erweist sich jedoch als wesentliche Voraussetzung, die vielfach hohen finanziellen, psychischen und körperlichen Belastungen pflegender (erwerbstĂ€tiger) Angehöriger zu mildern.

Bei den ErwerbstĂ€tigen dominiert die Pflege eigener pflegebedĂŒrftiger Kinder.

WĂ€hrend die klare Mehrheit der Pflegepersonen im Rentenalter sich um die Partnerin oder den Partner kĂŒmmert, betreuen ErwerbstĂ€tige vorrangig pflegebedĂŒrftige Kinder (39 Prozent). Zu je einem Viertel sind es die Eltern/Schwiegereltern bzw. die eigenen Partner*innen. Fast jede zehnte Person unterstĂŒtzt jemanden außerhalb der Familie.

Jede zweite erwerbstÀtige, pflegende Person investiert mehr als eine Stunde pro Tag in die Pflege.

Die Auswertung des SOEP (2001-2012) zeigt, dass 48 Prozent der pflegenden BeschĂ€ftigten bis zu eine Stunde tĂ€glich fĂŒr die Pflege aufwenden, 52 Prozent sogar mehr als eine Stunde.

Pflegepersonen, die außerhĂ€uslich bis zu eine Stunde fĂŒr die Pflege ihrer Angehörigen aufbringen, sind mit 77 Prozent etwa gleich oft erwerbstĂ€tig wie jene, die nicht pflegen. Auch unterscheidet sich die durchschnittliche Wochenarbeitszeit kaum. (S. 32) Pflegende mit mehr als einer Stunde Pflegeaufwand arbeiten im Schnitt zwischen fĂŒnf und sieben Stunden weniger als die ĂŒbrige Erwerbsbevölkerung. (S. 33)

Erwerbsbeteiligung und Erwerbsumfang sinken mit dem Pflegegrad.

Erwerbsbeteiligung und Erwerbsumfang hĂ€ngen wesentlich vom Pflegegrad ab. Je grĂ¶ĂŸer die BeeintrĂ€chtigung, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass BeschĂ€ftigte erwerbstĂ€tig bleiben, wenn sie selbst im hĂ€uslichen Umfeld pflegen. Bereits mit Eintritt eines Pflegefalls sinkt die Wahrscheinlichkeit, erwerbstĂ€tig zu sein, um fĂŒnf Prozent. (S. 39) Je lĂ€nger die Pflege dauert, umso wahrscheinlicher wird der Ausstieg aus der ErwerbstĂ€tigkeit. (S. 24) Eher erwerbstĂ€tig bleiben pflegende Angehörige, wenn sie ausreichend UnterstĂŒtzung durch ambulante Dienste erhalten oder ein Wechsel in eine stationĂ€re Einrichtung erfolgt. (S. 44)

Die Pflege Demenzkranker schrÀnkt Erwerbsbeteiligung zusÀtzlich ein.

Auf Grund der schlechten Datenlage sind keine verbindlich gĂŒltigen Aussagen zu treffen. Die letzte reprĂ€sentative Zufallsstichprobe zur Situation von Menschen mit Demenz und ihren pflegenden Angehörigen datiert in das Jahr 2006. Die Studie ergab, dass jede fĂŒnfte Pflegeperson im Laufe der Pflege aus der ErwerbstĂ€tigkeit ausstieg, weil die Versorgung der demenziell Erkrankten zunehmend die uneingeschrĂ€nkte VerfĂŒgbarkeit der Angehörigen erforderte. (S. 49)

Aber selbst leichtere Formen im Anfangsstadium befördern auf Seiten der pflegenden Angehörigen die EinschrÀnkung der Arbeitszeit. Jede zweite Person arbeitet weniger als 30 Stunden pro Woche. Dies ergab eine Umfrage des ZQP unter ErwerbstÀtigen, die Demenzkranke pflegen. (S. 44)

Pflegeumfang und Arbeitszeitgestaltung variieren zwischen Frauen und MĂ€nnern.

Unter den 45 – 54-jĂ€hrigen ErwerbstĂ€tigen waren zwischen 2001 und 2012 zehn Prozent der Frauen und sechs Prozent der MĂ€nner in die hĂ€usliche Pflege von Angehörigen involviert. Unter den 55 – 64-jĂ€hrigen sind es elf bzw. acht Prozent. (S. 27)

Zugleich variieren die Strategien von pflegenden Frauen und MÀnnern. Pflegende Frauen reduzieren mit ansteigenden Pflegeanforderungen eher die Wochenarbeitszeit. Pflegende MÀnner tendieren eher dazu, bei einer stÀrkeren Pflegebelastung ganz aus dem Beruf auszusteigen. (S. 9)

Pflege und Entlastung sind abhÀngig von Geschlecht, Ort, Status und Qualifizierung.

In der Gruppe der pflegenden Angehörigen befinden sich mehr Frauen, mehr Verheiratete und mehr Personen mit niederen und mittleren BildungsabschlĂŒssen als in der ĂŒbrigen Erwerbsbevölkerung.

Zudem leben Pflegepersonen im Vergleich zur ĂŒbrigen Erwerbsbevölkerung hĂ€ufiger in Gemeinden mit maximal 20.000 Einwohner*innen und auch hĂ€ufiger in den neuen BundeslĂ€ndern. (S. 32) Passend hierzu arbeiten pflegende Angehörige im Vergleich zur ĂŒbrigen Erwerbsbevölkerung auffallend hĂ€ufiger in kleinen und mittleren Betrieben bis 200 BeschĂ€ftigte. Sie sind seltener als die ĂŒbrige Erwerbsbevölkerung in grĂ¶ĂŸeren Unternehmen tĂ€tig. (S. 35)

Pflegende in niederen Lohnklassen sind in der Regel nicht in der Lage, die Arbeitszeit entsprechend zu reduzieren oder sich Entlastung zu kaufen. (S. 154) Zudem sind gerade sie hÀufig in Betrieben mit festen Schichtsystemen und Vor-Ort-Anforderungen im Einzelhandel oder in Sozialberufen tÀtig.

So sind die Chancen auf gelingende Vereinbarkeitslösungen und entlastende Pflegearrangements ungleich verteilt. Sie sind am höchsten fĂŒr BeschĂ€ftigte mit einem soliden finanziellen Hintergrund und BeschĂ€ftigungen, die eine zeitliche und rĂ€umliche Flexibilisierung zulassen. (154)

Betriebliche UnterstĂŒtzung in grĂ¶ĂŸeren Betrieben wahrscheinlicher

GrĂ¶ĂŸere Unternehmen sind deutlich hĂ€ufiger als kleinere speziell auf pflegende Angehörige eingestellt. In einer eigens durchgefĂŒhrten Unternehmensbefragung fand das ZQP in 43 Prozent der Unternehmen mit mehr als 250 BeschĂ€ftigten spezifische Angebote vor, aber nur in 13 Prozent der Betriebe mit unter 250 BeschĂ€ftigten. (S. 87) Dies ergab eine Unternehmensbefragung aus dem Jahr 2014.

Angehörigenpflege geht mit erhöhter physischer und psychisch-sozialer Belastung einher.

Personen, die ihre Angehörigen regelmĂ€ĂŸig im Haushalt und in der AlltagsbewĂ€ltigung unterstĂŒtzen, erleben EinschrĂ€nkungen im eigenen Alltag. Die zusĂ€tzlichen Zeitanforderungen schrĂ€nken Zeiten fĂŒr ErwerbstĂ€tigkeit, eigene Familie, Freundschaften und Regeneration ein. Zeitkonflikte werden hĂ€ufig auf Kosten der eigenen Erholung gelöst. (S. 67) DarĂŒber hinaus ist Pflege generell schwer planbar und birgt erhebliche Zukunftsunsicherheiten. (S. 61) Nicht selten nutzen pflegende ErwerbstĂ€tige die Wochenenden und Urlaube zur intensivierten Pflege, fĂŒr Arztbesuche bzw. zur Erledigung notwendiger bĂŒrokratischer oder organisatorischer Aufgaben.

Die Übernahme einer Angehörigenpflege erhöht in diesen FĂ€llen die Wahrscheinlichkeit fĂŒr depressive Verstimmungen und Stresserkrankungen und belastet die körperliche Gesundheit. Selbstvertrauen und Lebenszufriedenheit sinken hĂ€ufig. (S. 61)

Pflegende sind oft bereits in der Anfangsphase auf sich allein gestellt und ĂŒberfordert.

Oft stellt sich bereits oder gerade auch die Anfangsphase der Pflege als besonders belastend dar. Pflegende sind in dieser Anfangsphase hĂ€ufig auf sich selbst gestellt und brauchen lange, um sich im Dickicht des Pflegesystems, der Hilfsangebote und UnterstĂŒtzungsmöglichkeiten zurecht zu finden. (S. 142) Diese Suchbewegung, die sich im Pflegeverlauf immer wieder wiederholt, belastet zusĂ€tzlich.

Angehörigenpflege bedeutet hÀufig zusÀtzliche MobilitÀtsanforderungen und Wegezeiten.

Getrennt von den pflegebedĂŒrftigen Angehörigen wohnende Pflegepersonen leiden oft unter den zusĂ€tzlich entstehenden MobilitĂ€tsanforderungen. Sie mĂŒssen in ihrem Alltag (mindestens) zwischen drei Orten pendeln: dem eigenen Haushalt, dem Pflegehaushalt und der Arbeitsstelle. So mĂŒssen sie zur faktisch aufgewendeten Zeit fĂŒr die Pflege vor Ort regelmĂ€ĂŸige Fahrzeiten im Tagesablauf unterbringen. (S. 30)

Demenzerkrankungen stellen besonders große Anforderungen an die Pflegenden.

FĂŒr alle Pflegenden stellt eine Demenzerkrankung besonders große Anforderungen dar. Bereits ab einem mittleren Krankheitsgrad erfordert sie in der Regel eine Rundumbetreuung.

Besondere Belastungen entstehen fĂŒr die Pflegenden, wenn sie mit sogenanntem herausfordernden Verhalten konfrontiert sind. Hierzu zĂ€hlen nĂ€chtliche Unruhe, unkooperatives und aggressives Verhalten, ausgeprĂ€gter Bewegungsdrang mit Verirren, Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Die Symptome hĂ€ufen sich im fortgeschrittenen Krankheitsstadium, können aber auch bereits deutlich frĂŒher ausbrechen. (S. 47)

Erwerbsbeteiligung von pflegenden Angehörigen kann gleichermaßen be- als auch entlasten.

Die Erwerbsbeteiligung kann fĂŒr die pflegenden Angehörigen sowohl psychosozialer Ausgleich zur Pflegesituation als auch zusĂ€tzliche Belastung sein. (S. 47)

Vereinbarkeitskonflikte am Arbeitsplatz maximieren die pflegebedingten Belastungen.

Positive Erfahrungen am Arbeitsplatz und Zufriedenheit mit der ErwerbstÀtigkeit können pflegende Angehörige entlasten. Diese entlastenden Effekte sind aber deutlich geringer als die Belastung, die entsteht, wenn es am Arbeitsplatz Konflikte bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gibt. Gleiches gilt, wenn Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitregime mit den zeitlichen Flexibilisierungsbedarfen pflegender Angehöriger konkurrieren. Vielfach resultieren daraus nicht nur objektive Zeitkonflikte, sondern auch Rollenkonflikte. (S. 67) Besonders problematisch wird im ZQP-Themenreport der wachsende Arbeitsdruck, der BeschÀftigungsverhÀltnisse zusehends prÀgt, bewertet. (S. 124)

42 Prozent einer Studienbefragung gaben an, dass ihre ErwerbstĂ€tigkeit unter der Pflege leide. In einer anderen Studie gaben 48 Prozent an, dass die Pflege zu kurz kĂ€me. So entstehen immer wieder GefĂŒhle, weder der einen noch der anderen Anforderung gerecht werden zu können. (S. 67)

Soziales Umfeld, Resilienz und Beziehungsmuster bestimmen ĂŒber Wohlbefinden mit.

Jenseits der Belastung durch besonders herausfordernde Verhaltensweisen sind diejenigen pflegenden ErwerbstĂ€tigen signifikant mehr belastet, die sich vom privaten und sozialen Umfeld wenig unterstĂŒtzt fĂŒhlen und/oder die Übernahme der Pflegeverantwortung negativ bewerten. Überfordernd wirkt sich zudem aus, wenn professionelle Hilfe erst sehr spĂ€t in Anspruch genommen wird und die Beziehung zur zu pflegenden Person konfliktĂ€r ist. (S. 53f.)

Chancen auf eine gelingende Vereinbarkeit sind multikausal beeinflusst.

Zusammenfassend lÀsst sich sagen: Die Chancen auf eine gelingende Vereinbarkeit variieren stark. Sie hÀngen von den HandlungsspielrÀumen in den Unternehmen ab, von der Organisationskultur, der lokalen Infrastruktur, vom Qualifikationsniveau, der sozio-ökonomischen Situation, der sozialen Integration der Pflegenden, den finanziellen Möglichkeiten, der BeziehungsqualitÀt zur zu pflegenden Person und der Pflegemotivation.

VerlÀngerung der Lebensarbeitszeit wird Zahl der pflegenden ErwerbstÀtigen erhöhen.

Im Zuge der aktuellen renten- und arbeitsmarktpolitischen Reformen verlĂ€ngert sich auch die Lebensarbeitszeit. Auswirkungen werden hier vor allem fĂŒr die weiblichen BeschĂ€ftigten erwartet, die noch bis vor wenigen Jahren mit 60 aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und oft ohne große ZeitabstĂ€nde hĂ€usliche PflegetĂ€tigkeiten ĂŒbernommen haben. Unternehmen werden kĂŒnftig deutlich hĂ€ufiger damit konfrontiert sein, dass ihre BeschĂ€ftigten gerade die letzte Arbeitsphase mit der Pflege von Angehörigen vereinbaren mĂŒssen. (S. 55)

ZQP (Hrsg) (2016): Themenreport: Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Berlin.


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